Tragikomödie
Mit einer weißen Fahne habe ich in Reihe 2 Platz genommen.
Tausenddreizehn rote Klappsesselchen sitzen hier mit mir, sonst niemand, der scharlachrote Vorhang klebt schwer an zwei Wänden und hält sich mit goldenen Bändern fest. Große Quasten baumeln am Rande des Theaterbodens.
Die Bühne ist mit einem Spot hell erleuchtet, fast blendet das Licht mich und beinahe möchte man den Blick abwenden, zur Seite schauen und das Opernglas fallen lassen. Aber eben nur beinahe, denn fesselnd ist der Anblick; ein leerer Stuhl steht dort, metallisch, kalt. Er wirft das Licht des Spots auf mich zurück und zieht mich in seinen Bann.
Die Fahne in meinen Händen scheint zu brennen, in einem heiß weißen Feuer schmilzt sie vor meinen Augen.
Mit einem Donnerschlag erscheint dort oben, auf der Bühne, jemand; er zaubert sich hinter dem Vorhang hervor und setzt sich im gleißenden Licht auf den Stuhl. Das Gesicht der Tragik ist mit einer Maske zur Hälfte bedeckt. Ich applaudiere.
Jedes Wort malt die Tragik in den Atem des Theaters. Mit großen Gesten mauert sie Gesagtes fest. Unglaubliches höre ich dort; eine Sprache, die mir fremd und fern ist und doch verstehe. Sie gefällt mir nicht, doch ich applaudiere.
Ein erneuter Donnerschlag, ein Blitz fährt von der Decke, der mich für Sekunden erblinden lässt, und die Maske der Tragik sitzt in Reihe 1, auf dem roten Klappsesselchen direkt vor mir. Ihr Hinterkopf ist mit dichten Haaren bewachsen, es scheint kein Mensch zu sein, doch wer sollte sonst auf einer Bühne darstellen, ich kann darüber nicht nachdenken, langsam dreht sie sich zu mir um. Wasserblaue Augen blitzen mich an, sie sind heller als die Beleuchtung, metallischer als der Stuhl.
Forderungen liegen in ihnen, ein Lachen, das sie auf keiner Schauspielschule lernten. Die Hand der Tragik streckt sich nach mir, reckt sich, ich will ihr ausweichen, doch sie hält mich bereits. Sacht berührt sie meine Hände, legt sich auf meinen Schoß, in dem die schmelzende Fahne ruht. Die Tragik stöhnt lustvoll, der rotgeschminkte Mund verzogen, weiße Zähne entblößen sich. Und mich.
Ich applaudiere.
Schnell zieht sie sich zurück, springt auf die Bühne, setzt sich auf den kalten Stuhl und schaut mich an. Hat sie es bemerkt? Entlarvte sie meinen Applaus?
Wie zwei Tiere auf dem Sprung, wie zwei Komödianten, die sich gegenseitig nicht zum Lachen brachten, starren wir uns an. Lange.
Gleichzeitig beginnen wir zu applaudieren.
Der letzte Vorhang fällt, entfesselt sich aus den goldenen Bändern.
Beim Betreten des Foyers verschenke ich die heiß glühende, weiße Fahne an Wartende.













